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Der Verkehrsteilnehmer und die Baustelle

Eine verkehrspsychologische Betrachtung

Auch künftig werden Baustellen zum Straßenbild in Deutschland gehören. Gründe hierfür sind die weiterhin steigenden Verkehrsbelastungen und die vorhandende Altersstruktur der Straßen. Aktuell werden in Deutschland jährlich etwa 100.000 Tagesbaustellen und rund 850 Dauerbaustellen eingerichtet. Die Folge: Geänderte Verkehrsführungen und verengte Fahrstreifen stellen erhöhte Anforderungen an den Verkehrsteilnehmer. Hinzu kommen steigende Verkehrsbelastungen, die sich auf die individuellen Entscheidungsspielräume der Verkehrsteilnehmer, wie zum Beispiel Geschwindigkeitswahl, auswirken. Eingriffe in einen geregelten und planbaren Verkehrsablauf können, aus verkehrspsychologischer Sicht, häufig zu Ärger beim Verkehrsteilnehmer führen. Dies ist besonders ausgeprägt, wenn sich Baustellen in dichter Folge aneinanderreihen oder die Baustellen besonders lang oder eng sind. Dieser emotionale Zustand kann das Fahrverhalten negativ beeinflussen. Aggressives Fahren oder ein kompensatorisches Fahrverhalten, wie überhöhte Geschwindigkeit nach einer Baustelle, sind beispielsweise die Folgen.

 Das Forschungsprojekt Testbild-Farhsimulator

Ein Forschungsprojekt zur Bewertung von Baustellen auf Autobahnen aus Sicht der Verkehrsteilnehmer, bearbeitet von der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen (RWTH Aachen) im Auftrag der Bundesanstalt für Straßenwesen (BASt), untersucht die psychologischen Wirkungen der Gestaltung, der Länge und der Staffelung von Baustellen. Im Rahmen des Projektes werden verschiedene Studien und Befragungen durchgeführt. So ist unter anderem ein Fragebogen auf dieser Homepage zur Baustelle im 21. Jahrhundert veröffentlicht. Für eine weitere Analyse hat die RWTH Aachen zudem Versuchsfahrten mit Probanden in speziell ausgerüsteten Messfahrzeugen im gesamten Baustellenbereich der Pilotbaustelle auf der A 5 sowie Vor-Ort-Befragungen durchgeführt.

 

CIMG1665Im Fahrsimulator-Labor

Auf Basis dieser Beobachtungen werden Hypothesen formuliert und in einer weiteren Untersuchungsstufe im Fahrsimulator-Labor überprüft. Die Untersuchung des Fahrerverhaltens wird mit Hilfe eines speziell ausgerüsteten Messfahrzeugs, welches unter anderem die Geschwindigkeits- und Lenkwinkelsensoren sowie den Abstand misst, vorgenommen. Um die Beanspruchung der Probanden zu untersuchen, werden auch diese mit spezieller Messtechnik ausgestattet. Zur Erfassung der visuellen Reize wird die Blickzuwendung mit einem sogenannten “Head-mounted Eye Tracker” erfasst. BrilleDieser misst das Blickverhalten jedes Probanden beim Durchfahren der Baustelle. So können die Wissenschaftler beurteilen welche Informationen wahrgenommen werden und welche nicht. Zudem wird den Probanden der Puls gemessen. Die Kombination der individuellen Pulsmessung und der Blickzuwendung mit dem Fahrverhalten ergibt eine umfassende Bewertungsbasis hinsichtlich der Wirkung einer Baustelle beziehungsweise Baustellenfolge auf den Probanden.

 Überprüfung der Daten

In der anschließenden Fahrsimulatorstudie überprüfen die Wissenschaftler die erzielten Daten. Hierzu werden im Fahrsimulator die gleichen Parameter wie in den Felduntersuchungen erhoben. Es werden unterschiedliche Ausstattungsmerkmale von Baustellen, unterschiedliche Längen sowie die Staffelung von Baustellen simuliert und ihre Effekte auf Fahrverhaltensvariablen gemessen.

Testbild-Farhsimulator_2Eine zusammenfassende Auswertung von Real- und Simulatorfahrten soll die relevanten Eigenschaften von Baustellen sowie ihre Wirkung auf den Verkehrsteilnehmer darstellen. Der Nutzen: Aus der Studie werden praxisgerechte Empfehlungen abgeleitet, die in die relevanten Regelwerke eingebracht werden können. Somit können zukünftig die Belange der Verkehrsteilnehmer hinsichtlich der Gestaltung von Baustellen besser berücksichtigt werden.